Neuer Spielleiter mit Erfahrung

Ich bin in einer echten Luxus-Position. Ich spiele seit gut 10 Jahren Pen & Paper, angefangen bei DSA, aktuell eher bei Dungeons & Dragons unterwegs. In all dieser Zeit war ich noch nie Spielleiter. Die Rolle hat mich einfach wenig gereizt – vor allem, weil ich ein minderprächtiger Multitasker bin. Außerdem spiele ich einfach sehr gerne Charaktere über einen längeren Zeitraum.

Das hinderte mich nicht daran, immer wieder zu reflektieren und mir Gedanken zu machen, wie ich ein Spiel leiten würde. Nicht falsch verstehen: Ich habe Spielleitern selten meine eigenen Visionen aufgedrängt. Ich weiß es immer zu schätzen, wenn jemand das Spiel leitet und bin der Ansicht, dass ein Spielleiter am besten leiten kann, wenn das Spiel in etwa seinen eigenen Vorstellungen entspricht.

Trotzdem habe auch mir Gedanken gemacht, wie ich eine Runde leiten würde, bzw. was für mich als Spieler die ideale Umsetzung wäre. Und so langsam kommt der Moment, wo ich diese eigene Vision des Spiels umsetzen möchte. Zum einen bin ich doch mal neugierig geworden selbst zu leiten, zum anderen kann ich am Beispiel viel besser zeigen was ich mag, als wenn ich es beschreiben müsste. Es spielt einfach zu viel rein, als das Worte grundlegene Ideen immer beschreiben können.

Die eigene Spielleiter-Vision

Es liegt aber auch nicht nur daran, dass man nicht alles gut beschreiben kann, sondern dass der Stil ein Spiel zu leiten, auch einfach mit der eigenen Herangehensweise funktionieren muss. Ebenso kommt es auf die Zusammenstellung der Gruppe an. Das gilt sowohl für das Schreiben der Geschichte, als auch für die Spielbalance.

Eine Sache mit der ich mich erst seit kurzem bewusst beschäftige, ist beispielsweise das Ressourcen-Management. Mir ist aufgefallen, dass ich mit meinen Charakteren meist viel zu viele Zauber ungenutzt lasse, weil man sie ja „später“ vielleicht noch gebrauchen könnte. Eine Sparsamkeit, die eigentlich sogar völlig im Sinne der D&D-Erfinder ist. 6-8 mittelschwere Begegnungen sieht ein Abenteurertag nach Regelwerk vor.

In der Praxis sind diese 6-8 Begegnungen nie der Fall. 2-3 Begegnungen sind schon ein üppiger Abenteurertag und damit habe ich eigentlich immer viel zu viele Ressourcen übrig. Das liegt an der Art, wie die Kampagnen gedacht werden, aber auch ein wenig an der Gruppengröße. Wir sind meist 5-7 Spieler in unseren Runden und damit dauern Kämpfe, aber auch viele anderen Teile des Spiels viel länger. Mehr OOC, mehr Diskussion, oft fehlende Hooks, die wir erst suchen müssen.

Ich selbst möchte schon allein aufgrund meiner eingeschränkten Multitasking-Fähigkeiten lieber eine kleinere Gruppe von 4 Spielern leiten. Allein die Größe der Gruppe dürfte also in allen Bereichen für mehr Tempo sorgen – ganz davon abgesehen dass jeder einzelne Charakter dabei an Bedeutung gewinnt.

Meine Dungeon Master Toolbox

Ideen sind schon einige im Kopf vorhanden. Manche bauen aufeinander auf, die meisten sind lostgelöst voneinander. Ohnehin möchte ich keinen zu stringenten Plot anbieten, sondern ein etwas offeneres Abenteuer, bei dem es nicht darum geht, die Welt zu retten. Das ist in meinen Augen ausgelutscht und bietet wenig Flexibilität, weil im Hinterkopf immer der Konflikt ist, nicht zu viel Zeit zu verschwenden, weil wir es schließlich um das Wohl eines Reiches, eines Kontinents oder der ganzen Welt gilt. Es ist kein The Witcher 3, wo es niemanden stört, wenn man doch noch eine Partie Gwent spielt.

Dementsprechend lege ich mir eine Art Toolbox an. Es ist ein Werkzeugkasten in dem all die Werkzeuge liegen, die mir weiterhelfen, wenn schnell etwas greifbar sein muss. Ich improvisiere ungern unter Druck, sondern mag lieber halbwegs durchdachte Ideen.

In dieser Toolbox sind Quests und NSCs. Zum Teil sind diese festen Begebenheiten zugeordet – etwa Personen die das Setting vorschreibt oder Quests die fest mit bestimmten Personen verzahnt sind. Ich lasse mir aber auch viele Freiheitsgrade. Personen, die noch keinem festen Ort zugeordnet sind, Quests und Questhooks, die ich sehr frei einstreuen kann, wo auch immer es die Spieler gerade lenkt. Ich möchte den Weg nicht vorschreiben, aber die Gruppe trotzdem gezielt lenken können. Die Gruppe sucht spontan nach einem Schmied? Ich habe da jemanden. Die Gruppe geht einen völlig anderen Weg? Ich habe sofort Möglichkeiten, sie trotzdem am geplanten Plot zu halten oder ganz andere Quests anzubieten.

Noch kein Spielleiter, aber schon World Anvil nutzen

Mein größter Vorteil ist, dass ich zwar erfahren im Rollenspiel , aber als Spielleiter ein leeres Blatt bin. Ich habe daher noch keine festgefahrenen Arbeitsabläufe. Natürlich habe ich für andere Projekte schon bevorzugte Werkzeuge, aber einen Spielleiter-Workflow zumindest noch nicht.

Das führte dazu, dass ich beispielsweise World Anvil nutze, noch bevor ich überhaupt jemals ein Spiel geleitet habe. World Anvil ist ein Tool, mit dem man sich Wiki-artige Seiten anlegen kann, die jedoch auf World Building ausgelegt sind. Neben Autoren sind Spielleiter auch eine sehr bewusste Zielgruppe der Entwickler und es gibt reichlich Vorlagen und die Möglichkeit Kampagnen anzulegen.

Gerade diese Vorlagen sind es, warum ich für meine Vorbereitungen World Anvil den Vorzug gegenüber klassischen Notiz-Apps, Word oder der klassischen Papierwirtschaft gegeben habe. Ich glaube vor allem Spielleiter mit mehr als 10 Jahren Erfahrung, tun sich oft vergleichsweise schwer, neuere Technologien zu adaptieren, vor allem weil der Status Quo für sie gut funktioniert. In meinem Umfeld gab es allerdings auch zuletzt viel neues. Corona zwang uns in die Onlinewelt und auch World Anvil-ähnliche Hilfsmittel wie Kanka wurden genutzt.

Für mich spielt allerdings auch rein, dass World Anvil das Mapping-Programm Project Deios unterstützt, dass ich vor einiger Zeit auf Kickstarter gebackt habe. Ein bisschen amüsiert es mich selbst trotzdem, dass ich ohne je eine Gruppe geleitet zu haben gleich zu einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft für World Anvil greife.

Schon gespannt, was kommen wird

Mit dem Spielleiten werde ich es trotzdem nicht überstürzen. Ich bin mir noch nicht in allen Aspekten des Spielkonzepts sicher – das fängt schon bei der Überlegung an, ob ich bekloppt genug bin, mein „erstes Mal“ auch noch als Video aufzunehmen. Aber ich fange gerade auch erst an, meinen Werkzeugkasten anzulegen. Ich möchte am Ende schon gerne für fast jede Situation etwas aus dem Hut zaubern können, ohne komplett zu improvisieren. Dafür braucht es noch so einige Mini-Quests, Charaktere und vor allem auch eine erste größere Quest, dessen wichtigste Eckpunkte ausgearbeitet sind.

Trotzdem bin ich auch schon richtig heiß auf meine erste DM-Erfahrung. Ich freue mich schon darauf, ein Stück weit mit einigen Angewohnheiten zu brechen, die sich in meinem Spielumfeld etabliert haben. Ich bin neugierig darauf, wie Dinge angenommen werden, die einfach mal ein bisschen anders gehandhabt werden und wenn die Gruppe mal etwas kleiner ist. Etwas tuts mir aber auch schon Leid, dass ich deshalb nicht jedem einen Platz geben kann, mit dem ich sonst regelmäßig als Spieler unterwegs war. Einen sicheren Platz haben aber schon die drei Personen, die mich in den letzten Jahren am häufigsten am Tisch ihrer eigenen Runden ertragen haben. Sie sollen unbedingt die Möglichkeit bekommen, meinen Plots einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Insgesamt bin ich aber positiv: Ich kenne das Regelwerk ziemlich gut und habe dank Neverwinter Nights schon lange in älteren Versionen der Forgotten Realms gerollenspielt. Damit kenne ich mich auch vielen Aspekten der neuen, leider etwas spärlich ausgeformten, 5e-Version der Welt aus. Ebenso weiß ich um meine Schwächen und glaube, diese mit meinem Werkzeugkasten gut ausgleichen zu können. Erstmals fühle ich mich bereit, Spielleiter zu sein und dabei auch richtig gut zu sein.


Image by FelixMittermeier via Pixabay

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